Wie viel Psychologie steckt in gutem UI-Design?

Designer, Developer, Product Manager und Product Owner haben etwas gemeinsam, sie alle teilen dasselbe Leid: Tagtäglich wühlen sie sich durch einen kaum zu überblickenden Berg an Informationen, um neue Features umzusetzen. Dabei stellt es schon alleine eine Herausforderung dar, alle technischen Abhängigkeiten zu verstehen, das Corporate Design und den Styleguide zu berücksichtigen, die strategischen Vorgaben zu befolgen und psychologische Faktoren einzubeziehen. Nicht jeder bringt entsprechende Erfahrung in den einzelnen Bereichen mit, nicht jedes Unternehmen widmet den jeweiligen Aspekten genügend Aufmerksamkeit. Aber das sollten Unternehmen. Alle.

Der Hintergrundgedanke beim Berücksichtigen der Psychologie ist, dem Benutzer das intuitive Bedienen der Software zu ermöglichen – ohne, dass er es merkt. Dadurch fühlt er sich sofort vertraut mit der Anwendung und hat im Idealfall keinerlei Negativ-Erlebnisse, was für eine sofortige bzw. schnelle Akzeptanz des Produkts sorgt. Zudem senkt eine solche User Experience sowohl den Stressfaktor als auch den Arbeitsaufwand im Alltag. Ein Win-Win-Win-Szenario.

„Muss ich jetzt einen Psychologen einstellen?“ Nein, denn jeder kompetente Mitarbeiter kann die Software signifikant verbessern, indem er oder sie sich einfach in Grundlagen dieses Themas einarbeitet. Um die Qualitätsspitze zu erreichen, kann es natürlich nicht schaden, Spezialisten zu Rate zu ziehen. Das Wichtigste im ersten Schritt ist aber das Erkennen und Berücksichtigen der Relevanz des Themas.

Die folgenden Beispiele sollen verdeutlichen, welchen Einfluss der Faktor Psychologie auf die User Experience hat:

1. Fokus auf das Wesentliche

Das menschliche Gehirn neigt dazu, Formen anhand ihrer Optik zu erkennen, zu vervollständigen und zu gruppieren bzw. zu unterscheiden. Daher sollten die verschiedenen Bereiche einer Benutzeroberfläche optisch klar voneinander getrennt sein. Eine einfache Linie reicht dafür jedoch nicht aus. Der farbliche Kontrast des Hintergrunds sollte sich in jedem Bereich unterscheiden, um eine intuitive Wahrnehmung zu ermöglichen. Dabei ist es empfehlenswert, die Hintergrundfarbe weiter aufzuhellen, wenn der angezeigte Inhalt detaillierter wird. Hier kommt zusätzlich zum Tragen, dass das Gehirn sich leichter und länger auf helle Objekte konzentrieren kann. Optische Nähe wird suggeriert. Dunklere Objekte werden hingegen als weiter entfernt und weniger relevant wahrgenommen.

    

2. Der intuitive Weg

Wir alle werden durch äußere Einflüsse auf bestimmte Verhaltensweisen oder Assoziationen konditioniert, ohne genau zu verstehen, warum. Angefangen dabei, dass die Farbe Grün Rettung oder Heilung bedeutet, bis hin zu der Konvention, dass man sich mit rechts die Hand gibt. Man fühlt sich wohl, solange es nach den gewohnten Regeln abläuft.
Für das User Interface Design ist eine bestimmte Konditionierung besonders interessant: In den meisten Kulturen ist die Leserichtung von links oben nach rechts unten. Davon ableitbar: Eine Abschlussaktion sollte immer rechts unten positioniert sein, um sowohl den vom Hersteller geplanten als auch auch den vom Anwender erwarteten und gewünschten Abschluss optimal zu unterstützen – ein Prinzip, dem übrigens auch Nicht-Software-Produkte häufig folgen. Wo schaltet man beispielsweise einen Fernseher oder Monitor meist ein (und aus)? Richtig, rechts unten.

Entsprechend sollten auch Benutzeroberflächen aufgebaut sein. Links oben stehen immer die ‚gröbsten‘ Informationen, wie z. B. der Seitentitel. Im Verlauf der Seite werden die Informationen dann zunehmend ‚feinkörniger‘, bis schließlich die Abschlussaktion folgt. Daher sollte bei einem Dialog mit den Optionen „Speichern“ und „Abbrechen“ der „Speichern“-Button an letzter Position sein. So ermöglicht man dem Benutzer, bereits bekannte Muster unbewusst anwenden und die Oberfläche intuitiv bedienen zu können.

    

3. Stetiges Feedback wichtig

In Zeiten, in denen jeder ein Navigationsgerät auf seinem Mobiltelefon vorinstalliert hat, kommt es eher selten vor, dass sich jemand verfährt. Nichtsdestotrotz hat jeder bestimmt schon einmal die Erfahrung gemacht, dass Wege unzureichend ausgeschildert sind. Im besten Fall ist man nur verunsichert, im schlechtesten frustriert. Auf Anwendungen übertragen: Ein Benutzer kann Software nur dann intuitiv bedienen, wenn er sich sicher fühlt. Um ihm die nötige Sicherheit zu geben, muss er stets die aktuelle Lage vollständig erfassen können. Bedeutet: Jeder Benutzer muss auf jeder Seite die Fragen beantworten können „Wo befinde ich mich?“, „Was habe ich zuletzt gemacht?“, „Wo finde ich meine gesuchte Funktion?“.

Beantwortet werden können diese Fragen durch einen logischen Aufbau sowie durch Feedback des Programms. Dabei ist es unerheblich, ob statisches Feedback (wie Überschriften und Icons) oder dynamisches Feedback (wie Markierungen und Erfolgsmeldungen). Jedes Feedback, das zur Erfassung der Lage dient, ist letztlich hilfreich, denn damit unterbindet man Unsicherheiten, die schon vor dem ersten Klick entstehen könnten, und gibt dem Benutzer ein angenehm sicheres Gefühl.

Es gibt noch viele weitere Faktoren, die man in diesem Zusammenhang an- und ausführen könnte, wie zum Beispiel die Wirkung von Körpern, Blicklenkung oder die Farbenlehre. Klar sollte sein, dass jeder Aspekt des UI-Designs bereits bei der Konzeption berücksichtigt werden sollte, um Schwachpunkte frühzeitig identifizieren und großartige Software produzieren zu können.

 

Autor: Joachim Hirsch, Product Manager

Kontakt: Joachim.Hirsch@dot4.de

 

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