Künstliche Intelligenz – Dass ich nicht lache!?

Künstliche Intelligenz! Überall und in aller Munde. Vor allen Dingen bei den Informatikern. Manchmal kann ich mir das Lachen über die Übertreibungen nicht verkneifen.

Was ist künstliche Intelligenz?

Früher hatte ich immer den Drang, für Begriffe erst mal eine Definition zu finden. Dann konnte ich beurteilen, ob wir alle über dasselbe sprechen.

Also schauen wir uns mal den Begriff Intelligenz etwas genauer an.

Intelligenz

Wir alle wissen, dass Intelligenz nicht für jeden das Gleiche bedeutet. Für viele ältere Personen ist intelligent, wer viel weiß. Wissen ist anscheinend der ausschlaggebende Punkt. Kann jemand jedes Kreuzworträtsel oder gewinnt „Wer wird Millionär“, gilt er oder sie als intelligent.

Ist dann die Google-Suche intelligent? Dass ich nicht lache!

Intelligenz kommt aus dem Lateinischen und leitet sich ab von intellegere „verstehen“, wörtlich „wählen zwischen …“ , von lat. inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“ (Wikipedia). Die Google-Suche hilft mir als intelligentem Menschen lediglich, die richtige Wahl aus einem unendlichen Pool von Wissen zu treffen – die Intelligenz steckt hier also noch immer im Menschen, nicht in der Google-Suche.

Also muss man oder etwas, um als intelligent zu gelten, aus seinem Wissen auch etwas ableiten und danach entscheiden, wählen können. Das machen doch aber auch Tiere, oder?! Sind dann Tiere auch intelligent?

Der Psychologe William Stern definierte Intelligenz 1912 wie folgt:

„Intelligenz ist die Fähigkeit des Individuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen; sie ist die allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens.“ 

Vor Jahren hatte ich mir zudem mal diesen Satz zur Abgrenzung von menschlicher und tierischer Intelligenz gemerkt: Intelligenz ist, wenn man ohne Probieren, durch pures Nachdenken ein Problem lösen kann und dann danach handelt. Also nicht Probieren soll zur Handlung führen, sondern rein theoretisches Nachdenken.

Bezüglich unserer Frage nach der Intelligenz von Tieren können wir nun sagen, dass die meisten Tiere nicht intelligent sind, da sie Problemstellungen durch Probieren lösen. Eine Maus findet z. B. ihr Fressen durch immer wieder überall hinlaufen, bis sie am Ende etwas findet. Durch Erfahrung und Wissen um diese Erfahrung kann sie jedoch beim nächsten Mal das Fressen schneller finden. Intelligent wäre das nur, wenn es durch reines Überlegen und nicht Probieren zustande käme.

Inzwischen gibt es jedoch einige Beispiele von Tieren, die sehr wohl durch reines Überlegen eine Problemstellung meistern. Affen können nach unserer bisherigen Definition sehr wohl intelligent sein (siehe Beispiel).

Seit 1994 besteht die für mich persönlich vollkommenste Definition von Intelligenz, von Linda Gottfredson, Psychologin und Intelligenzforscherin, gemeinsam mit 50 Fachkollegen aufgestellt:

„Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die – unter anderem – die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken, zum Planen, zur Problemlösung, zum abstrakten Denken, zum Verständnis komplexer Ideen, zum schnellen Lernen und zum Lernen aus Erfahrung umfasst.“

 

Künstliche Intelligenz in der Informatik

Nun betrachten wir mal ein paar Beispiele, die uns immer als künstliche Intelligenz verkauft werden:

Bilderkennung – wo ist hier die Intelligenz?

Sorry, aber wenn Sie einem Hund eine Million Bilder von Angela Merkel zeigen und ihn belohnen, wenn er sie darauf erkennt, dann wird er Angela Merkel sehr wohl erkennen. Genau das wird hier auch gemacht. Das Deep Learning in der Bilderkennung ist nichts anderes als das Trainieren eines neuronalen Netzwerks mit sehr vielen Bildern.  (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Image Suche von Google eine tolle Sache ist: Hier suchen Sie nicht nach Bildern sondern verwenden ein Bild als Suchbegriff!)

Das Thema Bilderkennung wird aber so richtig spannend, wenn das autonome Auto mit einer Kamera Bilder erkennt und diese dann zur Entscheidung über „bremsen oder nicht bremsen“ benutzt. Hier werden aus verschiedensten Bereichen Wissen und Erfahrungen zur Entscheidungsfindung kombiniert. Genial.

So langsam vergeht mir das Lachen. Der intelligente Mensch (ich) sucht aber natürlich nach einem Ausweg, um künstliche Intelligenz weiterhin zumindest belächeln zu können: Nach unserer Definition von oben fehlt noch immer die Fähigkeit zum abstrakten Denken sowie das Verständnis komplexer Ideen.

Wie habe ich mir abstraktes Denken vorzustellen? (Ist das etwa ein Zirkelschluss?) Verdeutlichen wir es mal an einem einfachen Test… (Bitte ignorieren Sie dazu zunächst noch das Bild unten!)

Sie kennen nur folgende Fakten:

Von A kommt man nach B

Von B kommt man nach C

Nehmen wir an, es seien nur diese beiden Fakten bekannt. Wie würden Sie laufen, um von A nach C zu kommen?

 

 

Beispiel: Abstraktes Denken

Ein Tier würde, um von A nach C zu kommen, von A nach B und dann von B nach C laufen. Ein  Mensch würde sich das Dreieck ABC vorstellen und direkt von A nach C laufen. (Wir Menschen haben übrigens durch abstraktes Denken mathematisch bewiesen, dass der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten die direkte Verbindung zwischen ihnen ist. Es gibt nur einen einzigen Fall ,bei dem das Tier auch den kürzesten Weg gewählt hätte. Finden Sie es heraus?)

Also fehlt das abstrakte Denken in der Künstlichen Intelligenz?

Lassen Sie mich dazu einmal ein Beispiel aus einem meiner momentanen Projekte geben, bei dem ich mit einem Team an einem virtuellen Assistenten arbeite, der das Leben im Support erleichtern soll. Ein Use Case wäre, dass Sie morgens bei der Hotline anrufen und ein virtueller Assistent begrüßt sie mit: „Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Mustermann?“ Im Normalfall werden Sie ihm sagen: „Ich möchte ein Problem melden.“ Und der Assistent wird das Problem aufnehmen und an die entsprechenden Personen weiterleiten. Dann haben wir aber eine besondere Situation: Das Netzwerk ist ausgefallen und ein Benutzer ruft an, dass er momentan nicht drucken kann. Der abstrakt denkende, intelligente (menschliche) Supporter würde sofort antworten: „Ja, das ist klar. Im Moment kann niemand drucken, da das Netzwerk ausgefallen ist.“ Der virtuelle Assistent nimmt aber nur das Ticket auf.

Also doch noch nicht so intelligent?! Noch nicht! … Noch nicht? …

Die Verknüpfung der Daten eines komplexen Systems, bei dem verschiedenste Daten aus einer Wissensdatenbank zur Entscheidungsfindung dienen können, ist nur ein letzter notwendiger Schritt bei der Erschaffung von künstlicher Intelligenz im Support.

Ja, jetzt werden Sie denken: „Das sagt er ja nur, weil er gerade an so einem Projekt arbeitet!“ – Sie sehen, mein virtueller Assistent hat jetzt sogar schon ihre Gedanken gelesen. (Hat er jetzt auch erkannt, dass Sie gerade innerlich lächeln?)

Nein, im Ernst. Die Künstliche Intelligenz in der Informatik ist am Anfang. Viele abstrakte Denkweisen sind ihr noch fremd und meist funktioniert nur ein bestimmter Sektor, wie Bild- oder Spracherkennung, für sich alleine. Jedoch wird die Zukunft zeigen, wie schnell einige dieser Fachgebiete miteinander verknüpft werden und welche Anwendungen sich daraus ergeben.

Manchmal kann ich lachen, weil Intelligenz dann doch noch ein bisschen mehr ist als das, was heute oft dazu gemacht wird. Meist versinke ich aber in Gedanken, wie mir die rasanten Fortschritte in der KI bei meinem virtuellen Assistenten helfen können.

 

Autor: Bernd Ludwig, Portfolio Manager

Kontakt: Bernd.Ludwig@dot4.de

 

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